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Halbzeit.

 

UNGLAUBLICH. Wir sind jetzt schon sechs Monate hier! Die Hälfte unseres Einsatzes liegt  hinter uns. Hier ein Rückblick von dem, was wir bisher erlebt haben und eine kleiner Vorblick, was noch auf uns zukommt.

KULTURSCHOCK. Als wir uns auf den Einsatz vorbereitet haben, dachten wir, dass die Sprache wohl die größte Umstellung sein wird. Man denkt, man „kenne“ Amerika schon durch die Medien und es müsse auch vom Entwicklungstand so weit wie Deutschland sein. Als wir hier ankamen, war das dann doch etwas anders. Und das liegt nicht nur daran, dass wir im Ghetto leben. Alles zu beschreiben, würde den Rahmen sprengen. Kurzgefasst haben die Leute hier eine andere Mentalität und andere soziale Regeln als wir in Deutschland. Beispielsweise darfst du niemals deine ehrliche Meinung sagen, Kritik kommt hier gar nicht gut an. Bei einem Besuch solltest du zwei Stunden nicht überschreiten, auch wenn der Gastgeber niemals ein Anzeichen geben würde, dass es Zeit ist zu gehen. Ständig bekommt man die sehr oberflächliche Frage gestellt, wie es einem geht, ohne dass eine Antwort erwartet wird. Das Sozialsystem ist nicht wirklich ausgebaut, was man wiederum vermehrt im Ghetto erlebt. Natürlich gibt es auch Sachen, die ich hier mehr mag. Zum Bespiel würde es uns in Deutschland wundern, wenn ein Spaziergänger dich beim Joggen anfeuert. Hier kommt das immer mal wieder vor. Oder auch, dass jemand auf der Straße einfach gerne mit dir ins Gespräch kommen will, ohne auf irgendetwas hinauszuwollen.

Zusammengefasst war es doch eine größere Umstellung als erwartet.

 

SPRACHE. Wenn wir schon mit der Sprache angefangen haben, kommt hier ein kleiner Rückblick dazu. Am Anfang war das unsere größte Sorge, denn wie soll man mit Kindern in Kontakt kommen, wenn man deren Sprache nicht spricht? Das Erlernen der Sprache war in der ersten Zeit unser ständiges Gebetsanliegen, und wir sind dankbar für jedes Gebet! Im Nachhinein war es dann aber doch leichter als erwartet. Klar sprechen wir noch kein perfektes Englisch. Aber vor allem am Anfang, als es draußen noch warm war, konnten wir mit den Kidschurchkindern durch Spiele wie Basketball oder Hüpfseilspringen in Kontakt kommen. Dabei muss man nicht viel reden. Und mittlerweile verstehen wir auch die Afterschoolkinder (fast😉) immer, selbst wenn sie mal wieder viel zu schnell und aufgeregt reden. Das Gute ist auch, dass die Leute hier deutsche Freiwillige mit schlechtem Englisch gewöhnt sind. Und da ich (Mirjam) Leadteacher (Leitender Lehrer) im Afterschool-room bin, muss ich viele Sachen während der Betreuung oder auch bei Gesprächen mit Eltern und Lehrern klären, was soweit ganz gut klappt.

BEZIEHUNGEN ZU KIDSCHURCHKINDER. Wie schon ein paar Mal beschrieben, ist Kidschurch für uns sehr wichtig. Es ist der eigentliche Grund, aus dem wir hier sind. Und wie bereits auch schon geschrieben, ist es schwieriger als erwartet, mit den Jugendlichen eine Beziehung aufzubauen. Aber es sind schon einige Kontakte entstanden, für die wir dankbar sind. Im Moment ist eine ehemalige Freiwillige für ein zweimonatiges Praktikum wieder hier. Das hilft sehr dabei auf die Jugendliche zuzugehen, weil sie die Ehemalige noch kennen und mögen. Das macht es für uns leichter, auch das Vertrauen zu gewinnen. Leider haben letzten Sommer einige Freiwillige/Mitarbeiter, die bereits über mehrere Jahre bei Agora mitgeholfen haben, aus verschiedenen Gründen aufgehört zu Kidschurch zu kommen. So war bisher keiner da, der uns die Kontaktaufnahme erleichtern konnte. Und die Kinder vermissen die alten Freiwilligen auch, was es auch nicht gerade leichter macht. Also, da das mit der Sprache inzwischen besser klappt, ist das jetzt unser dringendes Gebetsanliegen😉!

KINDERTAGESSTÄTTE. Ich (Mirjam) war mir ziemlich sicher, dass Gott mich hier wegen Kidschurch haben möchte. Kinder waren eigentlich nie mein Ding, ich konnte mehr was mit 13-jährigen und älter anfangen. Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher. Ich glaube, dass Gott mich auch bewusst hier in der Tagesstätte eingesetzt hat und zwar nicht nur im Afterschoolroom, wo ich Leadteacher bin. Auch im Babyroom kann ich ihm dienen. Zwischenzeitlich hatte ich deshalb auch eine kleine „Krise“. Ich habe nicht gesehen, wie Gott mich gebrauchen kann, wenn ich die meiste Zeit des Tages mit Babys arbeite, sie wickele und füttere. Schließlich würden sie mich nicht verstehen, selbst wenn ich ihnen Jesus-Geschichten erzähle. Sobald eins der Babys ein paar Worte spricht, kommt es in den nächsten Raum. Außerdem hat es mich auch manchmal traurig gemacht, wenn ich an die Zukunft der Kinder dachte. Dadurch, dass man deren Familien und Geschwister und das Sozial- und Bildungssystem hier kennt, kann man davon ausgehen, dass sie nicht viele Möglichkeiten in der Zukunft haben werden. Mittlerweile habe ich diese Krise überwunden. Gott hat mir gezeigt, dass die Zukunft in seiner Hand liegt, und er mich gerade nur dazu braucht um den Kindern Liebe zu geben, die sie teilweise zu wenig zu Hause bekommen. Es ist nicht meine Aufgabe, gleich Früchte „meiner“ Aufgaben zu sehen. Und wenn auch die Babys noch nicht viel verstehen, können wir trotzdem ein Zeugnis für deren Eltern sein, auch allein dadurch, wie wir ihre Kinder behandeln.

Als mir am ersten Tag mitgeteilt wurde, dass Agora mich gerne im Afterschool einsetzten wollte, habe ich sehr stark dran gezweifelt, dass das die richtige Arbeit für mich ist. Ich habe mich eher bei den Zwei- und Dreijährigen gesehen. Und ich fande es auch am Anfang schwer, mich an die Aufgaben zu gewöhnen. Ein paar Wochen bevor wir hier hergekommen sind, hat die ehemalige Leadteacherin von dem Raum aufgehört hier zu arbeiten. Ich habe sie kennen gelernt, sie ist einfach toll mit Kindern! Wie sie mit ihnen arbeitet, kann man nicht in der Schule oder an der Uni lernen. Sie hat einfach eine Art mit Kindern umzugehen, die mich begeistert. Ich finde es echt schade, dass ich nicht wirklich mit ihr zusammenarbeiten konnte. Ich hätte viel von ihr lernen können. So musste ich mir vieles selbst aneignen. Wenn man noch nie mit Kindern gearbeitet hat, kann das ganz schön schwierig sein. Wie schlichtet man ein Streit? Wie begeistert man sie richtig zu Sachen, auf die sie eigentlich keine Lust haben? Außerdem kam ich mit der Art und Weise der Mitarbeiterin nicht klar, die den Afterschoolroom übergangsweise übernommen hatte. Ich wusste zwar nicht, wie ich das Programm für die Nachmittagsbetreuung ändern wollte, aber dass etwas geändert werden musste, war klar. Mittlerweile habe ich mich an die Rolle des „Leadteachers“ gewöhnt und bin den verschiedenen Aufgaben meiner Meinung nach reingewachsen. Ich habe mein Konzept und halbwegs meinen Weg gefunden die Nachmittagsbetreuung zu managen und werde toll von meinen Kollegen unterstützt. Auch wenn Änderungen noch bevor stehen, fühle ich mich mittlerweile sicherer dabei und glaube, dass Gott mich ganz bewusst hier eingesetzt hat, um mit diesen Kindern zu arbeiten und um an mir zu arbeiten.

 

WG-LEBEN IM GHETTO. Wir beide haben noch nie in einer WG gelebt. Diese Erfahrung können wir jetzt nach holen. Die ersten drei Monate haben wir mit vier Jungs in einem Haus gelebt. Dann sind wir in das Mitarbeiterhaus umgezogen, wo wir jetzt mit zwei Mitarbeiterinnen/Freundinnen leben. Ich (Mirjam) rede jetzt mal aus meiner Sicht, und Stephan stimmt mir glaube ich zu; ich hatte nichts dabei verpasst, nicht in einer WG zu leben. Das bedeutet jetzt nicht, dass es total schlimm und nicht auszuhalten ist, aber vor allem, nachdem man drei Jahre zu zweit gelebt hat, ist es dann doch eine (weitere) große Umstellung. Eine der größeren Sachen für mich war, dass wir immer als gesamtes Haus einen bestimmten Betrag an Geld für Lebensmittel bekommen haben. Da der nicht sonderlich hoch war, wurde immer das günstigeste und gleiche eingekauft. Seitdem wir umgezogen sind, ist das anders, und so können wir uns zum Bespiel einmal im Monat gutes (etwas teureres) Brot kaufen und uns ein schönes Frühstück zubereiten, das uns an Deutschland erinnert😉.

Das Leben im Ghetto ist gar nicht mal soo schlimm. Es ist manchmal ein bisschen nervig, dass man sich als Frau nicht wirklich frei bewegen kann. Insbesondere wenn es dunkel ist, darf ich nicht alleine raus. Und wir sind auch gerade auf dem besten Weg ein Mäuse- und Rattenfreies Haus zu bekommen. Im Allgemeinen hatten wir noch nie eine Situation, bei der man wirklich Angst bekommen sollte. Man hört immer wieder mal Schüsse und es wurden Morde in der direkten Nachbarschaft begangen, aber wir haben uns noch nie bedroht gefühlt.

HEIMWEH. Das ist leider auch Thema in den letzten sechs Monaten gewesen. Ganz schlimm war es so nach zwei Monaten, da hatte ich richtig Heimweh. Ich habe nicht erwartet, dass es so krass wird. Schließlich ist Stephan mit mir hier, wir haben ja auch in Deutschland schon nicht mehr bei den Eltern gelebt und man kann sich über Viedos sehen. Aber insbesondere wenn ich mir Fotos angucke und sehe, wie sich die Neffen und Nichten so entwickeln, während ich selbst nicht da bin, dann packt es mich doch jedesmal. Mein einer Neffe war drei Wochen alt, als wir weg gegangen sind, jetzt kann er krabbeln! Dann merkt man doch, wie sehr man Familie und Freunde vermisst

WIE GOTT AN UNS ARBEITET. Wir machen dieses Jahr hier im Dienste Gottes, aber Gott arbeitet hier auch an uns. Wie schon oben beschrieben, habe ich nie gedacht, dass ich jemals mit Kindern arbeiten kann. Gott war da wohl anderer Meinung. Er hat mir gezeigt, dass ich mich sehr ändern muss und viel mehr Geduld brauche um mit Kindern zu arbeiten. Und Geduld ist hier ein Dauerthema, an dem ich wachsen muss, nicht nur mit den Kindern. Was Gott uns glaube ich noch beibringen möchte, ist Vertrauen. Vor allem, wenn man dann darüber nachdenkt, was sein wird, wenn wir zurück nach Detuschland kommen, müssen wir unsere Gedanken, Pläne und Sorgen immer wieder aufs Neue zu Gott bringen.

Der Rückblick hat mehr Platz in Anspruch genommen, als gedacht. Deswegen nur mal kurz zusammengefasst, was noch auf uns zu kommt:

Da uns die Visa erstmal nur für ein halbes Jahr gewährt wurden, müssen wir ausreisen, um neu einreisen zu können. Deshalb fahren wir für drei Tage nach Kanada zu den Niagara-Fällen, wo wir endlich ein paar Tage nur zu zweit verbringen können😊

Bisher sind wir Freiwillige recht unflexibel. Wir haben zwar Autos, aber die können nur von bestimmten Leuten gefahren werden. So ist man immer auf andere angewiesen, bzw. man muss viele Absprachen treffen, wenn man irgendwohin will. Das ist jetzt immer mehr Thema hier geworden, und endlich wurde ein Spendenaufruf für Fahrräder für uns Freiwillige abgeschickt. Wir haben schon Zusagen für acht (funktionierende) Fahrräder! 

So langsam wird es bei uns endlich wärmer und später dunkel. Dadurch kommen auch wieder mehr Kinder zu Kidschurch und es ist schöner und einfacher mit ihnen draußen zu spielen. Im Sommer findet Kidschurch immer in einem Park in der Nähe statt. Darauf freuen wir uns schon!

Zusammengefasst haben wir schon viel erlebt, und uns steht einiges noch bevor. Rückblickend merken wir, dass man aber noch mehr machen könnte. Betet dafür, dass wir die restliche Zeit noch besser ausnutzen!